Montag, 30. November 2015
Tagebuch über mein neues altes Leben
Ich habe erst jetzt angefangen zu schreiben, deshalb erscheint das Ganze hier wie ein Zeitraffer.

Mein Blog, die Seite „Leben lernen“ oder der Titel „Das Leben ist manchmal ein Arschloch“ basieren auf den Erfahrungen und Erkenntnissen der letzten Wochen und Monaten. Es ist eine Mischung aus „auskotzen“ und „Selbsterkenntnis“.

Ein Arschloch, weil ich in der Vergangenheit immer wieder auf meine eigenen Muster hereingefallen bin. Selbsterkenntnis deswegen, weil ich noch nie so gelebt habe wie jetzt grade. Die Scheisse an der ganzen Sache ist, beides jetzt miteinander in Harmonie zu bringen. Jetzt kommt der Hut ins Spiel.Ich besitze zwar welche, kann es jedoch noch nicht unter selbige bringen. Up and down.

Es ist Freitag morgen, der 27.11.2015 und ich sitze in Berlin, im Hotelrestaurant und frühstücke. Frühstück ist vielleicht übertrieben. Einen Kaffe nach dem anderen, ich habe etwas Obst herunterbekommen und gehe immer wieder rauchen zwischendurch. Hätte mich die Vernunft nicht zu dem Obst überredet, wäre es wahrscheinlich bei Kippen und Kaffee geblieben.
Ich denke es hat keiner einen Fahrplan, wenn er/sie anfängt zu schreiben. Besonders hier im world wide web. Ich habe so langsam das Gefühl, dass es sich zu einer Mischung aus Gefühlen los werden, Selbsterkenntnis und Tagebuch entwickelt. Ja, genau. Ich glaube Tagebuch trifft es am Besten. Und hier im anonymisierten Internet kann ich ja alles festhalten, ohne in die Verlegenheit zu kommen, dass jemand, außer meiner besten Freundin, weiß, um wen es sich bei mir handelt. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Stilzchen Rumpel heiß.

Zurück zu diesem Freitag. Oder gehe ich nochmal zum gestrigen Donnerstag? Wieso eigentlich nicht. Wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch gleich bis Dienstag Abend zurückgehen. Danach werde ich mich wieder auf den heutigen Freitag hinarbeiten.

Also, es ist Dienstag Abend und ich bin in meiner WG. Ich habe mir grade etwas zu essen gemacht und sitze noch mit meinem Mitbewohner in der Küche und unterhalte mich mit ihm über Gott und die Welt. Als er eine Nachricht erhält fragt er mich ob ich noch Lust habe mit auf den Weihnachtsmarkt, direkt bei uns um die Ecke zu kommen. Klar, für mich eine gute Gelegenheit, nicht alleine trinken zu müssen. Ich muss dazu gestehen, dass mein Alkoholkonsum seit der Trennung arg gestiegen ist. Zum Glück noch nicht so weit, dass ich morgens oder mittags schon das Gefühl hätte, etwas trinken zu wollen. Wir können noch zwei weitere Mitbewohner animieren mitzukommen und ziehen also los. Ich habe auch schon knapp eine halbe Flasche Rotwein in der Küche gekillt und bin so schon gut unterwegs.
Glühwein ist schon ein absolut ekliges Getränk. Nicht dass es heiß ist, es ist so unendlich süß und steigt einem ganz schön schnell zu Kopf. Ich denke es war nach dem dritten Glühwein, als mein Handy klingelte. Es war meine beste Freundin, die beruflich den Abend nach Berlin gefahren ist. Sie wollte nur bescheid sagen, dass sie gut durchgekommen ist und etwas mit ihrem dekadenten Zimmer angeben. Sie hatte ein Upgrade auf eine Suite bekommen, da das Hotel ausgebucht war. Sie muss nun eine ganze Weile immer für drei Tage die Woche nach Berlin, weil sich ein tolles Projekt aufgetan hat. Deshalb hatte sie vorher schonmal die Einladung ausgesprochen, dass ich gerne jederzeit nachkommen kann, wenn ich mag. Sie hat ein Doppelzimmer und da ist genug Platz für uns beide. Also erneuerte sie die Einladung und fragte mich prompt, ob ich nicht Lust hätte am Mittwoch direkt nach Berlin zu kommen. Puhh. Also der alte Stadtneurotiker, der sich ewig in einer Beziehung befunden hat, dem wäre das zu spontan gewesen und hätte sicherlich erstmal die ganzen „Für´s und Wieder´s“ abgewogen. Ich stockte auch etwas am Telefon, teils aus Überlegung und sicherlich teils auch, weil die Zunge durch den Rotwein und den Glühwein schon ganz schön schwer geworden ist und die Gedanken nicht minderschwerer hinterher zogen. Wir einigten uns darauf am nächsten Tag nochmal zu sprechen.
Ich zog mit zwei Mitbewohnern wieder nach Hause, setze mich an meinen Rechner und schaute nach Busverbindungen nach Berlin, nahm das Telefon in die Hand und rief sie nochmal an. Damit war es fest. Ich fahre Mittwoch nach Berlin. Es fühlt sich sehr komisch an, spontan und ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, solche Entscheidungen zu treffen. Aber das scheint nun zu meinem neuen „Ich“ zu gehören. Ich kann es momentan noch nicht richtig einordnen, dieses Gefühl. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich ungewohnt an. Fühlt es sich gut an? Genau das meine ich. Es nicht wirklich greifen zu können.
Ich habe geschlafen wie ein Baby. Es ist Mittwoch morgen. Ich mache mir Frühstück und einen Kaffee. Schwups stehe ich auf dem Balkon und rauche eine. Zurück imm Zimmer nehme ich mein Handy und buche eine Busfahrt nach Berlin. 17:30 Uhr fährt er ab und ist ca. gegen 21:00 in Berlin. Sonst habe ich den Mittwoch eher unspektakulär verbracht. Wäsche waschen, aufräumen und sauber machen. Gegen 16:30 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zum Busbahnhof und ehe ich mich versehe sitze ich im Bus und dieser fährt Richtung Berlin. In Berlin angekommen sind es noch vier U-Bahnhaltestellen bis zum Hotel. Ich steige in die U2 Richtung Pankow und mache mich auf die letzte Etappe meiner Fahrt. Aus der U-Bahn raus und auf dem Weg zum Hotelwehe ich sie schon an der Bar sitzen. Sie hatte mich schon vorgewarnt, dass sie schon etwas getankt hat, weil der Tag etwas stressiger war und vor Ort schon etwas ausgeschenkt wurde. Ich freue mich riesig sie zu sehen. Ich gehe also rein, hole mir den Zimmerschlüssel und bringe meine Sachen hoch. Alter Schwede, sie hat wirklich nicht übertrieben, was ihr Zimmerupgrade betrifft. Nach dem ich die Suche nach dem Personal für das Zimmer aufgegeben habe geh ich wieder runter an die Bar.
Sie erzählt mir vom Tag, wir trinken Rotwein. Ich erzähle von meinem, wir trinken mehr Rotwein. Schnell noch etwas essen. Ein Clubsandwich an der Bar. Ach, das Rauchen habe ich fast vergessen. Naja, versteht sich ja fast von selbst. Irgendwann entscheiden wir uns dann auf´s Zimmer zu gehen. Wir beide sind echt fertig.
Ist schon ein etwas befremdliches Gefühl zu einer Frau ins „Bett zu steigen“, mit der man nichts hat. Aber auch das ist ein völlig neues und entspanntes Gefühl. Wir haben dann auf dem Notebook noch eine Serie gekuckt und dann ist sie auch eingeschlafen. Ich war schon über den müden Punkt hinaus. Ich mache das Licht aus und setze mir meine Kopfhörer auf und höre Musik. Das hilft mir normalerweise beim einschlafen. Heute nicht. Nach einer halben Stunde ohne Einschlaferfolg stehe ich wieder auf und drehe mir noch eine Zigarette und gehe auf den Balkon. Danach noch mal ins Bad und ab ins Bett, vielleicht klappt es ja jetzt mit dem Schlafen.

Anscheinend war es erfolgreich. Es ist Donnerstag morgen. Sie ist schon zur Arbeit los und ich hatte mich entschieden noch bis halb zehn im Bett zu bleiben. So, langsam hoch. Das war zu schnell. Der Kopf ist schwer und der Mund trocken. War vielleicht doch ein Glas Rotwein zu viel gestern Abend. Sie hat auch eine Nachricht geschrieben, dass sie heute Abend lieber auf den Rotwein verzichtet. Ihr geht es auch nicht so gut. Dann bin ich ja beruhigt. Ich werde mich mal fertig machen und losziehen. Ich habe meine Kamera´s mitgenommen und wollte auf Motivfang durch Berlin tingeln. Erste Station Mauerpark. Motive nicht so prickelnd. Die U-Bahnstation wäre ein gutes Motiv. Nach einigen Fotos steige ich wieder in die U-Bahn und fahre bis Alexanderplatz zurück. Von dort aus entscheide ich mich dann die Stadt zu Fuss abzulaufen.
Es fühlt sich nach wie vor ziemlich beschissen an, Strecken zu gehen oder an Orten zu sein, wo ich mit meiner Ex unterwegs war, gelacht habe und wir eine schöne Zeit hatten. Allerdings geht es heute. So verbringe ich den ganzen Tag damit vom Alexanderplatz zum Holocaustdenkmal und zum Brandenburger Tor zu gehen. Im Sommer wäre es sicherlich angenehmer gewesen. Heute ist es verdammt kalt. Das zieht bis in die Knochen, besonders jetzt, da es dunkel geworden ist. Gegen 17:30 entscheide ich mich dann wieder Richtung Hotel zu laufen. Da habe ich mir heute das Tagesticket für die Öffentlichen sparen können. Im Hotel angekommen wärme ich mich erstmal auf. Die Finger sind so kalt, dass ich es nicht mal mehr hinbekomme eine Zigarette zu drehen. Zum Glück hatte ich mir schon zwischendurch eine Schachtel besorgt. Geht einfacher. Eine halbe Stunde später ist mir immer noch kalt und ich habe das Gefühl, nicht im geringsten aufzuwärmen. Dann ist das Beste jetzt eine heiße Dusche zu nehmen. Ich nehme lieber das Handy mit, falls sich Heki meldet, dass sie vor dem Hotelzimmer steht und rein möchte. Ich glaube ich habe fast vierzig Minuten geduscht und die Temperatur immer höher dabei gedreht. Mittendrinnen hat sie angerufen, allerdings nur um bescheid zu sagen, dass sie jetzt auf dem Weg zurück ist. Nach dem Duschen ist mir jetzt auch endlich warm. Als sie zurück ist, entscheiden wir uns unten im Hotelrestaurant zu essen. Sie war fertig und ich hatte nun auch nicht wirklich Lust wieder raus in die Kälte zu gehen. Nach dem Essen, was in meinem Fall nicht besonders schmackhaft war, haben wir noch etwas getrunken und sind mit einem sehr netten schwulen Mitarbeiter des Hotels ins Gespräch gekommen. Er hat sich aufopfernd um mich gekümmert, da es ihm absolut unangenehm war, dass mir das Essen nicht geschmeckt hat und ich es hab zurückgehen lassen. Ich habe statt dessen zwei Gläser Wein bekommen, als Wiedergutmachung. War mir auch fast wieder willkommen. Anschließend war ich auch schon fast wieder ziemlich betrunken. So langsam nähere ich mich dem heutigen Freitag, den ich etwas weiter oben schon begonnen hatte.

Als wir dann oben im Zimmer waren, haben wir die Glotze noch eingeschaltet und uns von irgendeinem Blödsinn berieseln lassen. Sie ist postwendend wieder eingeschlafen, was für mich auch nicht weiter schlimm war. ich hatte noch ein wenig am Notebook gesessen und hab mich dann dazu entschieden nochmal in die Hotellobby zu gehen und noch ein Glas Wein zu trinken. Ich hatte mein Notebook mitgenommen, weil ich noch etwas schreiben wollte.
Heute, also Freitag, hätte ich mich besser dazu entscheiden sollen, oben im Zimmer zu bleiben, mich umzudrehen und zu schlafen. Ich habe den Fehler gemacht und bei What´s App ein bisschen geschaut, was die Leute für Profilbilder haben. Da bin ich dann über das aktualisierte Profilbild meiner Ex gestolpert. Anscheinend ein Selfie mit einer Freundin. Status London. Da hat sich bei mir alles zusammengezogen. Unweigerlich kamen schlechte Gefühle hoch. Wut, Verzweiflung, Trauer. Trauer am stärksten. Sie ist mit jemandem dort, macht Dinge und hat eine tolle Zeit, so wie mit mir einst. Dieser Gedanke ist immer noch sehr schwer für mich. Ich habe meine Sachen zusammengesammelt und bin hoch ins Hotelzimmer getorkelt, hab mich ausgezogen und ins Bett gelegt. Alles dreht sich, scheiss Rotwein. Dazu noch dieser beschissene Schwermut. Schlafen get grade schon wieder nicht. Ich gehe noch eine rauchen. Noch größerer Fehler. Jetzt ist mir nicht nur schlecht, jetzt dreht sich alles noch viel schlimmer. Verdammte Axt, sieh zu, dass du ins Bett kommst. Schnell noch ne Nachricht an Heki geschrieben, um loszuwerden, wie es mir geht. So schlecht und unruhig habe ich schon lange nicht geschlafen. Ich bin oft wach, drehe mich hin und her, schlafe wieder ein und wache wieder auf. Das zieht sich so bis um kurz nach sieben, bis mein Wecker klingelt. Heki ist grade aus dem Bad raus. Wir reden über meine Nacht und wie es mir geht. Anschließend gehe ich ins Bad und danach gehen wir mit gepackten Sachen runter zum Frühstück.
Mir ist nicht nach essen. Eigentlich nur einen Kaffee, einen Saft und eine Zigarette. Die Zigarette erweist sich jetzt als Fehler. Der Wein ist noch da, hatte ihn nur nicht gemerkt. Die Zigarette hat ihn hinter dem Ofen vorgelockt. Jetzt ist mir ganz schön duselig.
Heki macht sich auf den Weg zur Arbeit und lädt noch schnell unsere Taschen ins Auto. Ich bleibe noch etwas sitzen und fange an zu schreiben. Inzwischen sitze ich schon wieder im Café in der nähe des Alexanderplatzes. Eigentlich schon die zweite Station. Direkt vom Hotel bin ich in ein Café am Potsdamer Platz. Dort habe ich weitergeschrieben. Von da aus bin ich über das Brandenburger Tor Richtung Alexanderplatz gelaufen.

Wie es heute halt so ist, geistert mir meine Ex die ganze Zeit im Kopf rum. Ich versuche mich abzulenken, klar, was durch diese Zeilen nicht grade einfacher wird. Ich hoffe nur, dass ich besser verarbeite dadurch. Mein Handy vibriert. Ich schaue nicht direkt nach. Das ist auch etwas, dass ich mir die letzten Wochen abgewöhnt habe. Zum Selbstschutz. Dann, ich glaube fünfzehn Minuten später schaue ich mal drauf, nicht das es Heki war, die wegen der Rückfahrt heute Abend noch etwas klären wollte.
Schlag in die Magengrube. Es war ein Anruf meiner Ex. Ich hatte vergessen, dass ich gestern Abend bei dem Versuch mir ihr Profilbild genauer anzuschauen wohl auf die Wähltaste gekommen bin. Ich hatte gehofft, dass ich schnell genug abgebrochen hatte. Wohl nicht. Sie hat es noch mal probiert anzurufen. Jetzt hat sie eine Nachricht geschrieben. Ich fühle mich nicht in der Lage sie zu lesen, geschweige denn darauf zu reagieren.

Heute ist es drei Wochen her, das wir uns gesehen haben und auch das letzte mal Kontakt hatten. Mir ging es zunehmend immer besser. Bis ich diesen Fehler gestern Abend gemacht habe. Wieso quäle ich mich selber eigentlich immer wieder? Heki meint, ich wäre Masochistisch veranlagt.

Im Grunde genommen bin ich unendlich neidisch auf meine Ex. Nicht weil sie jemanden neues hat. Nein, weil sie frei von mir ist. Sie hat angefangen sich von mir frei zu machen, bevor sie sich getrennt hat. Als sie sich getrennt hat, war es nicht mehr weit für sie, von mir ganz loszukommen, bis sie letztendlich alles hinter sich gelassen hat, was uns gemeinsam ausgemacht hat. Als Verlassener hat man es eh immer schwerer. Ich beneide sie um ihrer Freiheit. Keinen Gedanken mehr an uns zu verschwenden und ihr Leben so schön zu leben wie sie es möchte. Frei von mir.

Ich möchte auch endlich frei sein. Wieso lasse ich mich nicht frei? Eine Frage die ich mir stelle und außer mir auch niemand beantworten kann.

Ich bin nicht alleine. Ich habe Heki, die mich auffängt, die ich auffange. Mit der ich lache und weine. Mit der ich viel schöne Zeit verbringe. Es fehlt mir aber jemand, den ich an der Hand halten kann, wenn ich die Straßen entlang gehe. Jemand, dem ich liebevoll über die Wange streicheln kann. Den ich küssen kann, wenn mir danach ist und auch geküsst werde, wenn ihr danach ist. Jemand neben dem ich abends einschlafe und morgens wieder aufwache und so voller Liebe ansehe, dass es schon fast weh tut es nicht zu tun. Ich sehne mich nach Liebe. Sie zu geben und sie zu bekommen. Eine Frau in meinem Arm zu halten und das Gefühl zu haben angekommen zu sein. Verliebt zu sein und geliebt zu werden.

Ich bin nicht gerne alleine, auch wenn ich das Leben alleine grade für mich entdecke. An solchen Tagen wie heute, wo ein Gefühlseinschlag so dicht und heftig gekommen ist, das es meine kleine Welt aus den Verankerungen zu reißen droht, verliere ich mich wieder ein wenig in der Vergangenheit und spüre Sie besondere stark. Die Liebe meines Lebens und die damit verbundene Einsamkeit in mir.
Ich sitze hier immer noch im Café, die Sonne kommt raus und ich schreibe mir die Sachen von der Seele. Hat es bis jetzt geholfen? Nein, jetzt grade nicht besonders. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn Heki mir bescheid sagt, dass sie Feierabend macht und auf dem Weg zum Hotel ist mich abzuholen. Dann geht es zurück nach Hause, nach Hamburg. So lange muss ich noch versuchen meine Gefühle zu unterdrücken. Normalerweise unterdrücke ich sie nicht. Nur wäre es mir jetzt, in diesem Moment, unangenehm los zu heulen. Irgendwie muss ich auch die Zeit noch tot schlagen. Es ist halb eins und ich befürchte, dass Heki bis um sechs oder sieben sicherlich noch arbeiten wird. Mal sehen, vielleicht nimmt sie mich heute Abend mit zu sich. Jetzt grade habe ich das Gefühl nicht alleine sein zu wollen. Beziehungsweise es nicht sein zu können. Das tut weh. Hat ein bisschen was von einer Schildkröte, die auf dem Rücken liegt und von alleine nicht auf die Beine zurückkommt. Solange ich die Schildkröte bin, die sich unangenehmerweise immer wieder selber auf den Rücken wirft, wird sich auch an meiner Situation nichts ändern. Das ist mir auch schon klar geworden. Diese Gedankenmauern zu durchbrechen fällt mir unheimlich schwer. Sie sind zu hoch zum drüber klettern, zu tief um einen Tunnel unten durch zu graben, also muss ich durch die Wand. Eigentlich ist sie ja auch gar nicht da.

Am liebsten würde ich mich jetzt hinlegen und schlafen. Ich fühle mich so müde, dass ich einfach nur die Stille und Ruhe des Schlafes genießen würde.

Daraus wird aber nichts. Bin wieder Richtung Potsdam gelaufen. Zwischendurch habe ich noch etwas gegessen. Total gesund, ein Sandwich bei einer großen Sandwichkette. Mein zweiter Vorname ist Ironie und der dritte Sarkasmus. Hat lange gedauert die Selbsterkenntnis darüber zu erlangen, um damit auch um gehen zu können. Jetzt sitze ich wieder in dem Café, in dem ich heute morgen gestartet bin. Ist schon nett. Die Bedienung hat mich wiedererkannt und wusste was ich möchte. Das hat schon was. Allerdings wird es jetzt wieder dauern, bis ich hier bin. Bis dahin hat sie es sicherlich schon vergessen. Also so sitze ich hier und versuche die Zeit totzuschlagen. Die letzten Male habe ich immer an einem Tisch gesessen. Jetzt sitze ich auf einem Hocker am Fenster und schaue raus auf die Straße. Naja von der Strasse ist nicht viel zu sehen, hier ist ein Weihnachtsmarkt und langsam fangen die Menschen an sich hierdurch zu pressen. Aber es ist besser als Fernsehen. Da habe ich wahrscheinlich zu viele weibliche Gene abbekommen. Ich gaffe gerne. Wenn jetzt noch jemand bei mir wäre würde ich so richtig über einige da draussen abblättern und gelegentlich auch mal Bewunderung aussprechen.

Jetzt wo ich so nach draußen starre und mir die Menschen so ansehe, die vorbeiziehen, stelle ich wieder mal fest, wie viele wunderschöne Frauen es eigentlich gibt. Sicher hab ich auch in der Beziehung mal gekuckt, aber nicht so. Wenn ich jetzt auch noch mein Selbstbewusstsein weiterhin so nach oben schraube, wie bisher, wie sagte Heki, dann werde ich noch ein ganz schlimmer Finger. Naja, Schlimmer Finger will ich gar nicht werden. Vielleicht etwas Weiberheld, charmant nett, nicht Arschloch kalt. Ach Weiberheld auch nicht. Bin ein Familienmensch, der sich einfach nach Nähe und Liebe sehnt.

Wenn ich es heute noch schaffe etwas mehr zu lächeln. Ach drauf geschissen, wenn ich heute mal lächeln würde, bekäme ich sicher auch das ein oder andere lächeln zurück. Also reiß dich zusammen, Mundwinkel nach oben deine kleinen Krähenfüße in Stellung bringen und los lächeln. Es beansprucht weniger Muskeln im Gesicht zu lächeln oder lachen, als griesgrämig zu kucken. Hab ich mal irgendwann, irgendwo gelesen.

Funktioniert.

Aber so langsam werde ich richtig müde. Zumindest habe ich seit halb eins schon wieder fast dreieinhalb Stunden durchgekriegt. Langsam wird es auch dunkel. Was es nicht einfacher macht nicht müde zu sein oder zu werden.

Punkt überwunden. Sitze jetzt bestimmt schon seit über einer Stunde in den Arkaden am Potsdamer Platz und beobachte die Menschen. Irgendwie ist heute so ein Tag. Kucken, statt machen. Mir geht es auch schon besser. Ich komme nur nicht wirklich ins lächeln. Als wenn irgendetwas verhindert, dass ich mal freundlich kucke. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich gerne Richtung Hamburg fahren würde. Zu Hause hat ein wesentlich höheres Maß an Sicherheit zu bieten. Wie schnell man sich doch an eine neue Umgebung und ein neues zu Hause gewöhnt.

Bin zu Hause angekommen. So sehr ich nach Hause wollte, habe ich jetzt wieder Sehnsucht und verspüre etwas Wehmut nach Berlin.

So fühlt es sich wohl an, wenn zwei Herzen in einer Brust schlagen. Auf der anderen Seite der Weide ist das Gras immer grüner. Jetzt muss ich nur noch lernen, dass auf beiden Seiten das Gras grün ist, egal wo ich stehe.

... link (1 Kommentar)   ... comment


Das Leben ist manchmal ein Arschloch
Es ist schon irgendwie komisch. Ich selber wohne ja in Hamburg, bin aber gestern spontan nach Berlin gefahren. Erstmal nichts besonderes. Macht ja jeder mal.
Was aber kaum noch jemand macht, ist stehen bleiben und kurz innehalten. Alle rennen durch die Gegend und sehen die Welt meistens nur noch durch den Sucher ihrer Kamera oder ihrem Handy, wenn sie damit nicht grade in sozialen Netzwerken unterwegs sind.
Was hat das jetzt mit meinem Trip nach Berlin zu tun? Ich komme aus der einen Metropole und bin in der Anderen. Außer, dass es zwei völlig unterschiedliche Städte sind, verhalten sich die Menschen exakt identisch.

Keiner hält mehr inne.

Alles ist schneller geworden. Keiner hat mehr Zeit für irgendetwas. Nichts bleibt mehr stehen. Immer in Bewegung. Wenn die Menschen nicht nur völlig an sich selbst interessiert sind, dann schauen sie kaum noch von ihren Smartphones hoch.

Es ist so schwierig geworden jemanden ins Gesicht, geschweige denn in die Augen zu schauen. Nicht nur zum flirten, auch um einfach mal ein ehrliches Lächeln zu schenken und vielleicht eins zurück zu bekommen.

Ich sitze grade in einem Café in der Nähe des Alexander Platzes und schreibe. Klar könnte ich sagen, dass ich in meinem Rechner vertieft bin. Mit dem feinen Unterschied, dass ich verdammt lange für diese Zeilen brauche, da ich mir draußen und drinnen die Menschen ansehe und beobachte, was sie tun, wie sie sich bewegen, wie sie schauen.

An dem Tisch mir gegenüber sitzt ein Pärchen mittleren Alters. Anstatt sich zu unterhalten, schaut er sich die geschossenen Fotos auf seinem Smartphone an und sie scheint offensichtlich zu schreiben. Daneben zwei junge Schülerinnen, die anscheinen für einen Test lernen oder Hausaufgaben machen. Auch sie schauen kaum von ihrem Papier auf. Die restlichen Tische sind gefüllt mit Leuten, die alleine sitzen. Alle haben ihr Smartphone in der Hand. Dazu muss man sagen, dieses Café ist rund um Panoramaverglast ist. Draußen gibt es soviel zu beobachten. Nicht nur draußen, seit dem ich hier sitze, fliegen und hopsen zwei Spatzen durch das Café, von Tisch zu Tisch. Die finden keinerlei Beachtung.

Wie soll man noch Schönheit erkennen, wenn man nicht mehr stehen bleibt und kurz mal inne hält? Wie soll man sich selbst noch wieder entdecken, wenn man sich selbst dazu einfach die Zeit nicht gibt? Wann hast du dir das letze mal die Zeit dazu geben?

Ich habe es wieder lernen müssen und habe dadurch so viel gewonnen.

Bleib einfach mal stehen. Sieh dich um. Schau von deinem Smartphone hoch.

Entdecke, was um dich rum passiert. Bleib stehen.

... link (0 Kommentare)   ... comment